B. Consten am 23. Juni 2005
Untersuchung der Tauchtauglichkeit - nach dem Curriculum der GTÜM
(Teilnehmer- Bericht)
Vom 26. bis 29.05.2005 fand das zweite Tauchmedizin-Seminar in diesem Jahr in Aachen statt, nachdem im Mai bereits ein Seminar zu dem Thema in Aachen stattgefunden hat. Hier berichtet eine Teilnehmerin von Ihren Eindrücken:
Bericht über die Tauchmedizinische Fortbildung zum "medical examiner of divers"
* Zu mir: Ich habe vor 1 ½ Jahren mit dem Tauchen angefangen (hauptsächlich in dt. Binnenseen). Seit einem ½ Jahr bin ich approbierte Ärztin und arbeite seitdem im Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf
Erster Tag: Donnerstag
Es ist Donnerstagmorgen kurz vor neun und nach und nach treffen wir, die Teilnehmer des Kurses im Empfangsbereich des HBO-Zentrums Aachen ein. Nachdem man sich mit einem leckeren Kaffee gewappnet hat beginnt der Kurs mit der Begrüßung und der Vorstellung des „Baromedizin“-Teams. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre. Es ist interessant die Referenten der nächsten Tage gleich zu Beginn kennen zu lernen, es macht gespannt darauf, wie sie uns in vier Tagen zu „medical examiners of divers“, zu Experten für Tauchtauglichkeitsuntersuchungen machen werden.
Dipl.-Ing. Bernd Uwe Consten, der Chef der Firma conkret, welche mit Baromedizin diese tauchmedizinische Fortbildung anbietet, eröffnet den Kurs. Er stellt sich als Buc (short für Bernd Uwe Consten) vor und gibt einen Überblick über den Ablauf und das Konzept des Kurses.
Anschließend stellen wir, die Kursteilnehmer uns vor. Wir sind 11 Ärzte bunt zusammengewürfelt, die meisten arbeiten im Bereich Anästhesie, aber auch aus dem Bereich Arbeitsmedizin, Gynäkologie und Allgemeinmedizin sind Kollegen vertreten. Drei Ärzte sind aus den Druckkammerzentren Düren, Bremen und Freiburg angereist.
Beim Vorstellen kommen wir kurz ins Gespräch über die Beweggründe für die Teilnahme an diesem Kurs. Diese sind unterschiedlich und reichen von dem Interesse, Ratsuchende vor dem Tauchurlaub kompetent beraten zu können bis hin zu dem Ziel, die notfallmedizinischen Versorgung von lebensbedrohlichen Tauchunfällen durch hyperbare O2-Therapie zu beherrschen.Über die ganzen Formalitäten hinaus sind die meisten von uns Sporttaucher und haben deshalb selbst schon mal eine Tauchtauglichkeitsuntersuchung durchführen lassen, was das Grundinteresse für das Thema geweckt hat.
[nach oben]Warum gibt es einen Kurs zu Tauchtauglichkeitsuntersuchungen?
Wie sieht das Trommelfell aus? In den letzten fünfzehn Jahren hat die der Anzahl von Sporttauchern immens zugenommen. Die Anzahl der Berufstaucher ist im Vergleich dazu klein. Während es für Berufstaucher klar definierte Richtlinien (G31) gibt, existieren im Sportbereich lediglich Empfehlungen. Diese beziehen sich auf die Inhalte der Untersuchung, welche die Beurteilung der körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit, sowie den Ausschluss bzw. das Einschätzen der das Tauchen limitierenden Erkrankungen. Z.B. Tubenbelüftungsstörungen, pulmonale Erkrankungen, Epilepsie u.a. einschließt. Behinderte Personen können unter besonderen Bedingungen tauchen, aber auch für Jugendliche gelten zusätzliche Einschränkungen (C. Plafki et. al. Dt. Ärzteblatt 1999, Heft 30).
Das werden wir also lernen, üben, diskutieren. Wir sitzen in einem hellen Raum, welcher durch eine Glasfront den Blick auf die Haux-Star-Med-2200-Druckkammer freigibt.
[nach oben]Dipl.-Chemiker Thomas Baltus, Anästhesist und Taucharzt der GTÜM e.V. beginnt mit seinem Vortrag. Orientiert an tauchrelevanten Beispielen wiederholt er mit uns die Formeln der grundlegenden physikalischen Gesetze, welche für das Verständnis der Einflüsse unter Wasser Voraussetzung sind. Physikalische Besonderheiten wie die Veränderung des Umgebungsdruck, Veränderung des Farbsehens in Abhängigkeit von der Tauchtiefe, Veränderung der Schalleitung im Medium Wasser werden erklärt. Nach einem gemeinsamen ‚Brain-storming’ zu den Gesetzen von Pascal, Boyle-Mariotte, Dalton, der allg. Gasgleichung u.a. fühlt man sich fit für die kommenden Kurstage.
Es schließt sich das Kapitel der Tauchphysiologie und hyperbarer Pathophysiologie an, welches durch Jörg Fliegen, Facharzt für allgemeinmedizin, tätig in der Abteilung für Unfallchirurgie, Taucherarzt der GTÜM, sowie Taucher (CMAS**) vorgetragen wird. Rekapitulation der wichtigsten Anatomischen Grundlagen: Physiologie des Kreislaufs, beteiligte regulatorische Mechanismen, anatomische und physiologische Bedingungen der Lunge und des Blutes für den O2-Transport unter hyperbaren Bedingungen. Was sind die wichtigsten Einflussgrößen auf meinen Kreislauf beim Tauchen? Es werden die Begünstigung des venösen Rückstroms zum Herzen bei Submersion, wie auch die Suppression des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Mechanismus und der Tauchreflex besprochen.
Nach dem knackigen Theorieabschnitt werden kurze Videosequenzen von Apnoe-Tauchgängen gezeigt, bei denen die Taucher kurz nach dem Auftauchen einen Blackout erleiden. Es werden Zusammenhänge und begünstigende Umstände für den kurzen Bewusstseinsverlust beim Tauchen, u.a. der Unterschied zwischen ‚Flachwasser’- und ‚Deepwater’-Blackout erklärt.
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Dann stellt sich Frau Dr. Sabine Maigatter vor. Sie ist Internistin, Nephrologin, Sportmedizinerin und Taucherärztin. Ihrem Vortrag hat die akuten dysbaren Erkrankungen zum Inhalt. Welche Charakteristika haben die tauchrelevanten Hohlräume des menschlichen Körpers und welche Gewebeläsionen ergeben sich dadurch bei Gasaustauschstörungen zwischen Binnendruck im Hohlraum und Umgebungsdruck. Barotraumen, DCS z.B. des Mittel- und Innenohrs oder auch Zusammenhänge und Symptome beim Barotrauma der Lunge werden thematisiert.
Mit dem Hintergrund der letzten beiden Vorträgen wird die Frage woran starb Enzo in ‚The Big Blue’ heftig diskutiert...
Nach einer angenehmen Mittagspause haben wir die Chance, Dr. Hanjo Roggenbach, Internist, Diabetologe, Sportarzt, Taucherarzt, VDST-Verbandsarzt und Landesverbandsarzt des TSV-NRW kennen zu lernen. Er präsentiert die Tauchunfallstatistik der letzten Jahre und berichtet über Art und Ursache der Verletzungen und Todesfälle. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung, u. a. mit den versicherungsrechtlichen Hintergründen, kann er sehr präzise und anschaulich über konkrete Unfallabläufe realer Tauchunfälle berichten.
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Derk Remmers, DLRG-Lehrtaucher, Tauchlehrer (TL 2 VDST, TL 2 DLRG, VDST Nitrox/Triox TL), beruflich im Bereich der Materialforschung tätig, ist der Experte für den Bereich ‚Tauchen’ bei Baromedizin. Sein Vortrag beginnt mit der Vorstellung der unterschiedlichen Tauchverfahren und der dazugehörigen Ausrüstung. Interessant ist dabei auch die geschichtliche Entwicklung der Tauchausrüstung, und damit des Tauchens, welche anhand von Bildern kombiniert mit der technischen Information zur Funktionsweise präsentiert wird. Von schlauchversorgten Helmtauchgeräten, Vollgesichtsmasken, wie sie im Bereich des Berufstauchens eingesetzt werden, bis hin zur modernen Sporttauchausrüstung.
Bei dem nächsten Thema ‚Sicherheitsplanung beim Tauchen’ diskutieren wir in der Gruppe wie und warum es zu einem Tauchunfall kommt. Im Vortrag werden die Faktoren herausgearbeitet, die in die Tauchgangsplanung und Risikobewertung eines Tauchgangs einbezogen werden müssen und die essentiellen Punkte für die Frage wie verhalte ich mich, wenn es zu einem Tauchunfall kommt zusammengetragen.
Nicht nur für die Sicherheit beim Tauchen, sondern auch für die richtige Einschätzung von Tauchunfällen und deren Behandlung ist die Kenntnis der Sättigungskinetik der Inertgase und die Dekompressionstabellen, sowie deren Grenzen Voraussetzung.
Hat man sich zuvor einmal einen tieferen Einblick in die Dekompressionstheorien gewünscht, so bekommt man ihn bei dem jetzt folgenden Vortrag; und zwar schneller, tiefer, durch mathematische Formeln unterlegt und erstaunlicher Weise verständlicher als man sich das zuvor vorgestellt hat. Interessant sind hierbei auch, wie die ersten Erkenntnisse u. a. bei dem Bau der Brooklin-Bridge gewonnen wurden.
Nach dem ersten erfolgreichen Seminartag sind wir alle zu einem sehr gutem Essen eingeladen. Bei einem kühlen Bier im Garten des Restaurants genießen wir den Abend des ersten richtig heißen Sommertages in diesem Jahr.
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Zweiter Tag: Freitag
Der zweite Tag beginnt mit einer ‚tauchphysikalischen Wake-up-Runde’ als gute Vorbereitung auf die Aufgaben der Abschlussklausur am Sonntag. Nachdem Thomas Baltus die Inertgaseffekte und das narkotische Potential der Tauchgase wie z. B. die Sauerstoffintoxikation und das Phänomen des Tiefenrausches mit uns durchgesprochen hat, stellt sich Dr. med. Stefan Wiese vor. Er ist der ärztliche Leiter von Conket, Anästhesist, Zusatz spezielle Intensivmedizin, Taucherarzt und Überdruckmediziner (GTÜM). Von ihm lernen wir das richtige Handling von Tauchunfällen: Vorgehen bei z. B. Hypothermie, Beinahe-Ertrinken, Ertrinken u. a.
Dr. med. Alice Müller-Lux ist Internistin, im Institut für Arbeitsmedizin in der Universitätsklinik Aachen tätig. Sie spricht über die Grundlagen der arbeitsmedizinischen Untersuchung für Berufstaucher G31, an welcher sich, wenn gleich mit weniger strengen Kriterien, die Tauchtauglichkeitsuntersuchung für Sporttaucher orientiert. Es folgt eine genaue Einweisung in die Kriterien der Durchführung und der Diagnostik mit den jeweiligen Grenzwerten.
Nach der anschließenden Mittagspause können wir die erlernte Theorie in der Praxis in der arbeitsmedizinischen Abteilung der Universitätsklinik Aachen als Arzt und Proband praktisch üben und ausprobieren. Bei der Fahrradergometrie, Bodyplethysmographie und Spirometrie haben wir alle nicht nur sehr viel gelernt, bzw. gelerntes nochmals überprüfen und weitergeben können, sondern auch ziemlich viel gelacht. Für manch einen ist auch eine aktuelles Tauchtauglichzertifikat dabei herausgesprungen ;-).
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Dritter Tag: Samstag
Den dritten Tag eröffnet Dr. med. Ullrich Siekmann, ärztliche Leitung des HBO Zentrum Euregio-Aachen, Anästhesist und Diving an Hyperbaric Medicin Consultant (GTÜM). Er stellt die möglichen Indikationen für eine hyperbare O2-Therapie vor, wie z.B. bestimmte Tauchunfälle, Strahlenschaden, Nekrosen bei Lappenplastiken in der plastischen Chirurgie, bei Diabetischem Fußsyndrom, CO-Vergiftungen u. a..
Dr. Stefan Wiese hält anschließend einen Vortrag zu Medikamenten als Risikofaktor beim Tauchen insb. Medikamente zur Vorbeugung von Reise-/Seekrankheit werden diskutiert, bzw. Medikamente unter hyperbaren Bedingungen generell, sowie die Betreuung von intensivpflichtigen Patienten in der Druckkammer.
Derk Remmers hat unterschiedliches Tauchequipment zu Demonstration mitgebracht und erklärt neben der Funktion und dem Konzept der Ausrüstung den Unterschied zwischen Sporttauchen und technischem Tauchen in großen Tiefen, Höhlen und Wracks.
Am Nachmittag vergeben wir, die Teilnehmer in Diskussion mit der Gruppe und den Referenten anhand von realen Fallbeispielen, super moderiert von Fr. Dr. Sabine Maigatter, Tauchtauglichkeiten zur Übung.
Weil es abends immer noch klasse Wetter ist, haben wir mit Kursteilnehmern und Referenten kurzerhand dazu entschlossen auf dem Lousberg in Aachen zu Grillen und Volleyball zu spielen.
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Letzter Tag: Sonntag
Dr. Stefan Wiese beginnt den letzten Tag mit der extrem präzisen Präsentation eines realen Tauchunfalls. Wir sehen die Seekarte des Unfallortes und erfahren den genauen zeitlichen Unfallhergang und die Details der anschließenden Rettungsaktion. Richtig spannend und eine gute Wiederholung des Erste-Hilfe-Managements bei Tauchunfällen.
Nachdem wir die Abschlußklausur gut überstanden haben, dürfen alle, die Lust und eine gültige Tauchtauglichkeit haben, noch eine Druckkammerfahrt auf 30 m machen. Was sich noch viel besser anfühlt als ein Glas Sekt und uns die hyperbaren Bedingungen spüren lässt, über die wir in den letzten Tage so viel dazugelernt haben.
Durch Einreichen der Unterlagen, über die erfolgreiche Teilnahme an diesem Kurs, bei der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin, können wir nun die Zusatzqualifikation ‚Medical Examiner of Divers’ nach den Richtlinien der GTÜM e. V. beantragen.
Es war nicht nur interessant und lehrreich, sondern auch echt lustig mit den anderen Leuten aus dem Kurs und dem Baromedizin-Team. Ich freu mich schon auf den zweiten Teil der Taucherarzt-Ausbildung: Kurs II zum Erreichen des Diploms zum „Taucherarzt“ / „Diving Medicine Physician“ in Norwegen im Oktober 2005.
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